Was ist schon normal?

Matthias Horx über neue Realitäten

In seiner Keynote zum IGEPA-Expertentalk im Februar gab Zukunftsforscher Matthias Horx eine Prognose ab, wie unsere Welt nach Corona aussehen könnte und welche Entwicklungen auf dem Vormarsch sind. Wir wollten noch ein wenig mehr wissen … 


»The reason people find it so hard to be happy is that they always see the past better than it was, the present worse than it is, and the future less resolved than it will be.« (Marcel Pagnol). Würden Sie dem zustimmen?

Ein wunderbares Zitat. Menschen verherrlichen gerne die Vergangenheit, weil sie ihnen bekannt und bewältigt vorkommt. Aber wir verfälschen sie im Kopf, wir idealisieren und irrationalisieren sie. Wenn wir nur einmal kurz an die 70er Jahre denken, einer damaligen Unterhaltung zwischen Eheleuten oder Politikern zuhören und sehen könnten, wie alle rauchen und in stinkenden Telefonzellen telefonieren – wir würden uns wundern. Oder wenn wir in eine Pandemie früherer Jahrhunderte hineinreisen könnten … wir würden uns nach »Corona, heute« zurücksehnen. Nostalgie ist auch eine Form der Undankbarkeit gegenüber dem, was in der Gegenwart möglich ist.

In Ihrem Vortrag erwähnten Sie, dass alle großen Konzerne bereits während der Krise an tiefgreifenden Veränderungen gearbeitet haben. Was steht hier besonders im Fokus?

Es geht in Zukunft immer mehr um den »Purpose« eines Unternehmens, den inneren Sinn und auch um die Aufgaben gegenüber der Umwelt und der Gesellschaft. Die reine Effizienzsteigerung ist vorbei. Das liegt nicht unbedingt an der moralischen Läuterung von Managern. Es hat auch damit zu tun, dass heute viele Märkte übersättigt sind und sich durch Preiskämpfe selbst zerstören. 

Stichwort »Nachhaltigkeit«: Hat Corona ein Umdenken hinsichtlich Ressourcenbewusstsein befeuert oder werden nun doch wieder eher Wirtschaftsthemen im Vordergrund stehen?

Corona hat uns tief in unserem Naturverhältnis berührt. Deshalb ist Nachhaltigkeit, Ökologie und die postfossile Wende innerlich ungeheuer dringend geworden. Reihenweise verkünden Konzerne, Staaten, Städte neue CO2-Ziele. Das ist längst nicht mehr nur Greenwashing. Es wird dabei aber zunehmend um eine »Blaue Ökologie« gehen, die in Technologie, Systemen und Umwelt denkt und die Knappheits- und Verzichtslogik der alten Grünen-Ökologie überwindet. Es herrscht ja in Wahrheit kein Mangel an Rohstoffen und Energie, wenn wir von einer zirkulären Produktionsweise ausgehen. Die reine Effizienzsteigerung in Unternehmen ist jedenfalls vorbei. Das liegt nicht unbedingt an der moralischen Läuterung von Managern, sondern hat damit zu tun, dass viele Märkte übersättigt sind und sich durch Preiskämpfe selbst zerstören. 

Im vergangenen Jahr gab es nicht nur Lockdowns, sondern auch rasend schnelle Entwicklungen – auf einmal konnte blitzschnell auf Home-Office etc. umgestellt werden. Wird uns künftig generell mehr Reaktionsschnelle abverlangt werden?  

Vielleicht. Aber hoffentlich führt die Corona-Krise auch zu einer gewissen Entschleunigung, die Krisen auch vermeiden kann. Denn die ständige »Reaktionsschnelle« macht uns ja auch irre. 

Der digitale Fortschritt hat sich 2020 als Segen erwiesen, andererseits wird man des Bildschirms langsam bereits überdrüssig. Wie wird sich die »Screenokratie«, wie Sie es bezeichnen, weiterentwickeln? 

Wir brauchen eine digitale Revision. Digitalität kann segensreich sein, besonders in der Produktion und den Fabriken, aber wenn sie zu sehr ins Zwischenmenschliche eingreift, in die direkte Kommunikation, wird sie toxisch. Wir leben heute in einem vergifteten Erregungs-Zustand, viele Menschen sind in ein paralleles Medien-Universum abgewandert, wo sich ständig Wahrnehmungen und Gerüchte entzünden. Das zerstört auf Dauer unsere Kultur und das Vertrauen, das Menschen zueinander brauchen, um zu überleben. Es schreit nach einer Emanzipation von der Hypermedialität. 

Wir begreifen die Welt von Kindesbeinen an analog und während der Lock-Downs beklagten viele, dass beispielsweise Einkaufen vor Ort nicht mehr möglich war. Wird das haptische Erleben nun wieder mehr geschätzt werden?

Auch das funktioniert nach dem Gesetz von Trend und Gegentrend. Wenn wir stark ins Virtuelle pendeln wie jetzt, entwickelt sich eine Sehnsucht nach dem Sinnlichen und Haptischen. Man schaue nur, was in der Krise richtig geboomt hat: Gärtnern, Hunde, Hygge-Produkte. Es wird immer eine Mischung aus beidem geben, wir nennen das auch »Real-Digital« oder »digilog«. 



»KI ist ein Mythos«



In der Krise hat »die human-soziale Intelligenz geholfen. Die viel gepriesene künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt« – so schreiben Sie in Ihrem Buch »Die Zukunft nach Corona«. Ist das eine tröstende Botschaft oder eher eine Mahnung, KI künftig nicht überzubewerten?

KI ist ein Mythos. Wenn man genau hinschaut, wird uns damit eine Größen-Fantasie verkauft, die aber gleichzeitig fatal ist: Dass Maschinen die klügeren Entscheidungen treffen können als Menschen. Das klappt aber meistens nicht. Intelligenz ist ja auch etwas Emotionales, Instinktives, und eine rein rationale, numerische Entscheidung führt immer auf ein für Menschen gefährliches Gleis. Als analytisches Instrument sind Expertensysteme gut, aber wenn wir sie intelligent nennen, kommt es zu gewaltigen Missverständnissen und Enttäuschungen. 

Ein Blick auf die Medienlandschaft: Hier stellten Sie treffend fest, dass es nach wie vor die Provokateure gibt, die nur auf Klickraten schielen, aber auch Vertreter, die sich ihrer medialen Verantwortung verstärkt bewusst sind. Welche Fraktion wird die Oberhand gewinnen?

Die Spreu trennt sich vom Weizen, aber beides wird auch in Zukunft nebeneinander existieren. Es gibt eben ein räuberisches, dunkles Internet, in dem alles nur Wut und Betrug ist und die Wahrheit sabotiert wird. Viele Medien haben keine klare Grenze mehr zwischen Werbung und Inhalt. Aber es gibt auch ein großes Bemühen, die fatalen Kulturentwicklungen des Netzes zu überwinden. Wir erleben jetzt eine Zivilisierung dieses chaotischen Raumes Internet, in dem bislang die Gesetze des Wilden Westens herrschten. 

Sie gehen von einer grundlegenden Zeitenwende aus, die wir gerade erleben. In welchen Lebensbereichen werden wir diese besonders zu spüren bekommen und mit welchem tiefgreifenden Ereignis aus der Vergangenheit lässt sich die Corona-Krise am besten vergleichen? 

Nach den großen Epidemien der Geschichte kam es häufig zu einer Modernisierungsphase, in der höhere gesellschaftliche Komplexität entstand. Nach der Pest im Mittelalter begann die Renaissance, und die Cholera-Epidemien im 19. Jahrhundert führten zu den Städten des Fin de Siècle, in denen es plötzlich Licht und Raum und Boulevards und Parks gab. Epidemien führen ja zu einem schrecklichen Kontrollverlust, sie sind in mancher Hinsicht noch traumatischer als Kriege. Aber sie erzählen uns auch etwas über unsere Beziehungen untereinander, über unsere Menschlichkeit. Sie zwingen uns, uns neue Formen von Solidarität und Kooperation einfallen zu lassen. 

Sie sprachen auch an, dass Kommunikation künftig weniger als Einbahnstraße funktionieren wird. Wie erklären Sie sich den verstärkten Wunsch nach Austausch und wie hilfreich ist er für die Zukunft?

Menschen haben ja ein genuines Bedürfnis nach echter Beziehung, nach Wahrgenommen-Werden und Beantwortet-Werden. Ich glaube, der viele Hass im Netz kommt auch aus einer dauernden Enttäuschung durch die Pseudo-Kommunikation, die dort herrscht. Die Likes und Herzchen simulieren etwas, was sie nicht halten können – das führt zu einer dauerhaften Enttäuschung, die leicht in Wut umkippt. Das Netz ist eine Illusions- und Desillusions-Maschine gleichzeitig und das macht es so schwierig, darin Halt zu finden. Aber je mehr wir in der Virtualität verwirrt werden, desto mehr sehnen wir uns nach echtem Zusammenhalt. Den kann man nur im direkten Austausch und in der gemeinsamen Praxis finden. 

Welche Stellschrauben müssen Unternehmen in der Kommunikation drehen, um nach der Krise wieder an Fahrt aufzunehmen?

Man sollte die Marketing-Maschine etwas moderieren und sich mehr um die wirkliche Aufgabe kümmern: Intelligente Produkte zu entwickeln. Es geht um eine neue Art von Design, aber nicht so sehr als Formgestaltung, sondern als Gestaltung von intelligenten Systemen, in denen Rohstoffe nicht einfach verlorengehen. Wir nutzen dann mehr Produkte als wir sie »verbrauchen«. Nach der Krise werden Unternehmen florieren, die von der Zukunft aus managen. Und die Zukunft ist eben ökologisch, systemisch und sieht gut aus!

Ein Zurück in das »alte Normal« wird es Ihrer Meinung nach nicht geben. Welche Brücken sind – ob gut oder nicht – schlichtweg eingerissen? 

Unsere inneren Brücken ins alte Normal. Wir kommen ja aus einem Zustand des »Über«: Über-Globalisierung, Über-Information, Über-Vernetzung, Über-Konsum, Overtourismus. So, wie es vor der Krise war, konnte es sowieso nicht weitergehen. Das alte Normal kommt nicht wieder, weil viele Menschen sich in dieser Krise auch selbst verändert haben. Entweder sind sie noch verzweifelter und verwirrter geworden, oder sie haben ihre echten Bedürfnisse besser erkannt. Wenn man eine Liebeskrise hat, kann man danach ja auch nicht einfach so weitermachen wie bisher. Das heißt: Man kann schon, aber dann fällt man gleich wieder auf die Nase. 

»Auf jeden Trend folgt ein Gegentrend«. Sehen Sie einen derzeitigen Trend, der kurz vor dem Platzen ist? 

Der Trend zu Clubhouse. 

In Ihrem Buch zeichnen Sie ein recht versöhnliches Bild von der Krise und ihren Auswirkungen. Sind Sie in diesem Punkt eher Optimist oder Realist?

Ich bin ein enttäuschungsfähiger Optimist. Ich glaube stoisch an Wirksamkeit (nach Mark Aurel). 


Über Matthias Horx: Schon als technikbegeisterter Junge in den sechziger Jahren interessierte er sich für die Geheimnisse der Zukunft. Nach einer Laufbahn als Journalist und Publizist entwickelte er sich zum einflussreichsten Trend- und Zukunftsforscher des deutschsprachigen Raums. Er ist Gründer und Inhaber des Zukunftsinstituts in Frankfurt und Wien und veröffentlichte 20 Bücher, von denen einige zu Bestsellern wurden. Sein jüngster Titel »Die Zukunft nach Corona« ist im Econ Verlag erschienen.