Logbook Munich

Ein Skizzenbuch der besonderen Art

Eine bemerkenswerte Tradition etablierte sich an der TU München im Fachbereich Architektur über viele Jahre hinweg: Aus dem jeweiligen Abschlussjahrgang findet sich ein Team zusammen, das aus den Skizzenbüchern seiner Kommiliton*innen eine kuratierte Dokumentation erarbeitet. Bereits für die Ausgabe 2019 stand dabei Produktionerin Sylvia Lerch den ambitionierten Buchgestaltern zur Seite und stellte ihre Expertise auch für den diesjährigen Band zur Verfügung. In einem Gespräch wollten wir von Johannes Mirwald, frisch gebackener Bachelor-Absolvent und Mitgestalter des Buches, sowie Sylvia Lerch mehr über die Zusammenarbeit und das ungewöhnliche Projekt erfahren. 


Zunächst eine generelle Frage an Dich, Johannes: Welche Rolle spielt ein analoges Skizzenbuch denn überhaupt noch für Studierende?

JM: Im Architekturstudium ist es in jedem Fall noch essenziell. Und es ist, glaube ich, unwahrscheinlich, dass es in naher Zukunft Erstsemester-Jahrgänge geben wird, die überhaupt keine Affinität zur Handzeichnung und zu Skizzenbüchern entwickeln würden. Viele Kommiliton*innen, die mit mir angefangen haben, zeichneten zwar schon vorher gern, haben aber im Studium das Zeichnen und damit auch Skizzenbücher ganz neu entdeckt. 

Wird das auch von Hochschulseite gefördert?

JM: Auf jeden Fall und vor allem in den ersten Jahren des Studiums. Im Laufe des Studiums hält dann der Computer zwar mehr Einzug, aber zu Beginn steht die Idee, mit den Händen zu arbeiten, ganz oben.

Du hast gemeinsam mit Anthony Butcher, Clemens Lindner und Sophie Lin das Logbook 2021 konzipiert und umgesetzt. Wie seid Ihr an das Projekt herangegangen?

JM: Zunächst waren wir schon von dem gedruckten Vorgängerband 2019, das in Kooperation mit der IGEPA entstand, sehr begeistert – gerade, was die Materialität anging. Aber natürlich haben wir uns auch überlegt, wie wir das Ganze nochmals in eine andere Richtung bringen könnten. Schließlich haben wir die Gestaltung fokussiert und hier Themen für uns entdeckt, die wir einfließen lassen wollten, wie beispielsweise das Thema Typografie. Für den Band haben wir uns den Font Gräbenbach von Wolfgang Schwärzler (Camelot Typefaces, Anm. d. Red.) gekauft, der im Laufe des Entstehungsprozesses eine immer wichtigere Rolle spielte. So konnten wir viele gestalterische Aspekte dem Thema Schrift unterordnen und mehr noch: Immer, wenn eine Frage zum Prozess auftauchte, hat uns eigentlich die Schrift die Antwort geliefert. 

SL: Die letzte Ausgabe war ja eine reine Online-Ausgabe, oder?

JM: Ja, das ist richtig.



War das der Pandemie geschuldet oder eine bewusste Entscheidung?

JM: Hinter Logbook steckt ja keine Organisation, die das entscheidet. Wenn sich niemand aus dem Abschlussjahrgang für das Buchprojekt erwärmen kann, passiert eben auch nichts – da hat Corona sicherlich eine Rolle gespielt. So entstand eben ›nur‹ eine digitale Version. An der Stelle muss aber auch einmal gesagt werden, dass von Hochschulseite schon der Wunsch an uns herangetragen wurde, das Projekt in Zukunft nur noch digital umzusetzen, weil es viel schneller realisierbar ist und sich Universitäten nun einmal über Veröffentlichungen definieren. Je günstiger die zu haben sind, desto besser. Ich finde es sehr schade, dass gerade im universitären Umfeld der Unterschied zwischen dem Logbook und einer wissenschaftlichen Publikation, die ja online viel leichter zugänglich und daher auch digital besser platziert ist, nicht erkannt wird. 

SL: Also mich hat es sehr gefreut und auch motiviert, dass das Logbook-Team das Bedürfnis hatte, wieder etwas Haptisches zu realisieren und dabei auch zu merken, dass das in der Corona-Zeit gefehlt hat. 

JM: Für uns wäre es tatsächlich eine Entwertung des ganzen Projekts gewesen. Natürlich geht die Realisierung einer Website schneller vonstatten und bringt wesentlich weniger Zwänge mit sich. Andererseits setzt sich der lange Produktionsprozess einer Buchherstellung aus vielen Entscheidungen von gewisser Tragweite zusammen. Das intensivierte die Auseinandersetzungen mit den Skizzenbüchern, die uns von unseren Kommiliton*innen anvertraut wurden, sehr stark. 



Wenn man weiß, was alles geht, kann man die eigenen 

Ideen trotzdem nochmals überdenken.



Wie hast Du den Gestaltungsprozess erlebt, Sylvia?

SL: Er war sehr intensiv, bis sich alle Fragen der Produktion geklärt hatten: Welches Format wird es werden? Welches Covermaterial passt? Welche Bindung wird es sein? Ich habe da mit ganz vielen Beispielen und Mustern gearbeitet, die wir teilweise vor Ort, dann aber coronabedingt online besprechen mussten. Zudem habe ich mich um das Timing und die Koordination der Produktionsschritte gekümmert. 

 Gerade die Materialität spielt in Eurem Studium generell eine große Rolle, oder?

JM: Absolut. Und auch die Idee, ein Produkt fertig zu bekommen sowie der Point of no return, an dem manche Entscheidungen schlichtweg getroffen werden müssen, weil sonst kein Ergebnis zustande kommt. An einem digitalen Logbook kann ich ewig weiterarbeiten, ein analoges Buch muss irgendwann in den Druck – das ist im Architekturgeschehen nicht anders. 

Sind manche Branchen schlichtweg papieraffiner als andere, Sylvia?

SL: Bei den Kreativen ist es natürlich generell so. Ich kenne keinen, der nicht eine riesige Schublade mit Druckmustern hätte, weil sie ihm gefallen oder sie ihn inspirieren. Hier ist einfach eine generelle Sensibilität und Offenheit für Materialien und Haptik da. Auch wenn die Webpräsenzen zunehmen, gibt es ein großes Bedürfnis, wieder mit Papier zu arbeiten. Und ich glaube auch, dass das ein Stück weit in die Breite überschwappt. 

JM: Das kann ich zumindest für mich auch bestätigen. Ich war gerade an der UDK in Berlin zu Besuch und mir wurde erzählt, dass es dort eine Papierwerkstatt gibt, in der Studierende ihre eigenen Bücher herstellen und Prägetechniken ausprobieren können. Da dachte ich mir schon, wie schade es ist, dass wir so etwas nicht haben. Bei mir ist sofort die Lust aufgekommen, mich noch mehr mit dem Handgemachten auseinanderzusetzen und im Bereich Papier mehr auszuprobieren. 



Für welches Papier habt Ihr Euch letztlich beim Logbook entschieden und warum?

JM: Wir haben uns wieder für Design Offset entschieden, weil wir das schon beim Vorgängerband in den Händen hatten und gesehen haben, wie schön insbesondere Aquarellfarben auf der Sorte zur Geltung kommen. Es ist ja sehr schwierig, transparente Techniken, die digital bearbeitet wurden, wieder so aufs Papier zu bekommen, dass sie immer noch ihren charakteristischen Charme mitbringen. Design Offset bringt vor allem in seiner Mattheit und Griffigkeit eine tolle Qualität mit. 

SL: Dazu kommt, dass sich die Sorte super verarbeiten lässt. Und Johannes hat vollkommen recht: Durch die Farbigkeit des Materials, das ja kein hartes, sondern ein gebrochenes Weiß ist, ist das Papier angenehm fürs Auge und bringt Zeichnungen sehr natürlich wieder. Auch die vielen Schwarzweiß-Skizzen kommen auf dem Material gut heraus und es liegt toll in der Hand. Schließlich kam noch das Cover dazu, bei dem ihr ganz spezielle Vorstellungen hattet und an das wir uns nach und nach herantasteten. 

JM: Der Band ist auf den ersten Blick ja nur ein schwarzes Buch – es sieht aus wie ein ganz normales Skizzenbuch, das man in der Tasche mit sich herumträgt. Erst in der Bewegung sieht man, dass es sich um ein fertiges und kuratiertes Buch handelt. Dieser Anschein war uns wichtig und hier spielten beide Materialien eine große Rolle. Gerade das Innenpapier vermittelt in seiner Haptik den Charakter eines Zeichenpapiers und man erliegt der Illusion, dass beispielsweise eine Bleistiftzeichnung gerade erst von Hand hineinskizziert wurde. 



Es gibt ein großes Bedürfnis, wieder mit Papier zu arbeiten.



Veredelt wurde das Cover auch …

SL: Ja, mit einer transparenten Folienprägung.

JM: Das war für uns ein schöner Moment, als wir in dieser kleinen Werkstatt waren und den Prägevorgang an den alten Maschinen sehen konnten.

SL: Auch das war Teil meiner Arbeit – der ganzen Gruppe diese Verarbeitungsschritte näherzubringen und zu ermöglichen, dass sie beim Anprägen dabei sein können. Ihr habt mir den Effekt, den Ihr erzielen wolltet, ja nur beschrieben, da war es wichtig, dass ihr ihn vor der endgültigen Produktion sehen könnt. Bei einer transparenten Folie spielt schließlich die eigene Wahrnehmung eine Rolle – sieht man zu viel, sieht man zu wenig? Nach dem Anprägen hätten wir die Folie auch noch wechseln können.

JM: Es war auch interessant zu sehen, auf welche Details Drucker achten, wie beispielsweise auf eventuelle Folienrückstände in den feinen Ecken der Schrift. Und es war schön zu sehen, dass das von Sylvia prognostizierte Ergebnis genauso eintrat – da wurden wir super beraten. Am Ende wurde es genau der unscheinbare und doch auffällige Effekt, den wir uns vorgestellt haben. 

SL: Ich fand es ja großartig, mit welchen klaren Vorstellungen ihr in dieses Projekt gegangen seid. Ihr habt mir schon ziemlich genau gesagt, was ihr haben wollt.

JM: Wieso muss ich jetzt lachen? Ich hatte eigentlich immer das gegenteilige Gefühl … wir haben ganz viel bei dir angefragt und es schien alles möglich.

SL: Natürlich war das ein Prozess, aber ihr hattet eine klare Richtung. Es stand immer nur die Frage im Rau, wie man dort hinkommt und mit welchem Material das am besten funktioniert. Ich finde das sehr stimmig – sowohl vom Material als auch von der Gestaltung, der Schrift und dem Inhalt. Das hat mich wirklich begeistert, denn ihr seid ja keine Grafiker, die so etwas jeden Tag machen. Beim ersten Buch hatte ich ja ehrlich gesagt die Befürchtung, dass es bei Euch nur basisdemokratische Entscheidungen gibt und jeder etwas anderes möchte. Bei beiden Logbook-Teams war ich aber positiv überrascht, weil ihr auch in der Kommunikation so professionell an das Projekt herangegangen seid. 

Wart Ihr denn überrascht, was drucktechnisch alles möglich ist?

JM: Natürlich hatte man schon das ein oder andere hochwertige Buch in der Hand. Wir waren eher überrascht, was es darüber hinaus an unentdeckten Dingen gibt. Wenn man sich aufwendig produzierte Grußkarten zigfach veredelt mit Gold- und Silberprägung ansieht, wäre das natürlich nichts für uns gewesen, weil wir den architektonischen Leitspruch »Less is more« verfolgt haben. Wenn man aber weiß, was alles geht, kann man die eigenen Ideen trotzdem nochmals überdenken. Ich fand es schön, bei Sylvia die ganze Bandbreite der Möglichkeiten zu sehen. 

Zum Abschluss eine Bitte um Ergänzung: Zukunft brauch Raum, Kreativität, Papier und …

SL: … engagierte Menschen

JM: … neue Ideen

Ich danke Euch beiden für das Gespräch!


Papier: Design Offset